9. Station: Schlossstraße 1 - Klinik Dr. Reich 

Wir gehen jetzt die Straße „Neustadt“ ein Stück weiter. Rechts sehen wir das Koblenzer Schloss, zur Linken endet hier in das Schlossrondell die Schlossstraße.


Hier zur Linken treffen wir vor dem Gebäude in der Schlossstraße 1 auf eine Anzahl Stolpersteine. Es sind 10 Biografiesteine und ein Erklärstein. Schauen wir uns hier die Steine an.


Foto die Stolpersteine
 

Das ist zunächst oben links der Erklärstein an. Auf ihm heißt es:

Klinik Dr. Reich

Viele hier geborenen Kinder wurden deportiert und ermordet. 

Hier war also – in dem Vorgängerbau dieses alten Neubaus – eine private jüdische Kinderklinik. Diese Klinik wurde von dem jüdischen praktischen Arzt Dr. Richard Reich betrieben. Schauen Sie den Stein für ihn oben in der Mitte an. 

Dr. Reich war verheiratet mit seiner Frau Frieda, geborene Lichtenstein. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Die Familie Reich konnte im Jahr 1939 noch rechtzeitig aus Koblenz nach Belgien fliehen. Dort lebten sie unter falschem Namen und überlebten auch die Zeit der deutschen Besetzung Belgiens. 

Dementsprechend heißt es auf dem für den 1889 geborenen Dr. Reich auf einem Stolperstein:

Flucht nach Belgien, überlebte unter einem Decknamen in Brüssel.

Rechts daneben ist ein weiterer Stein für den Schwiegervater von Dr. Reich, für Karl Lichtenstein, verlegt. Auf dem für den 1869 geborenen Karl Lichtenstein heißt es auf dessen Stolperstein:

1942 deportiert, am 19. September 1942 in Maly Trostinez ermordet.

Ob das so richtig ist, ist zweifelhaft. Diese Stolpersteine sind nicht auf meine Initiative hin verlegt worden, so dass ich deswegen auch nicht recherchiert habe. Nach den Gedenkbüchern ergibt sich aber etwas anderes. Danach wurde der damals 73-jährige Karl Lichtenstein am 27. Juli 1942 in das sog. Altersghetto Theresienstadt deportiert und von dort aus am 19. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt. In Treblinka wurde er noch am Tag seiner Ankunft mit Motorabgasen ermordet. Dieser Weg in den Holocaust erscheint mir auch plausibel, zahlreiche alte Menschen jüdischer Herkunft sind von Koblenz aus nach Theresienstadt gekommen und dann einige auch von dort in das Vernichtungslager Treblinka.

Nun gut, lassen wir das auf sich beruhen. Diese Stolpersteine hier sind ohnehin vor allem für die in der Kinderklinik geborenen Kinder verlegt worden. Diese Stolpersteine machen auch das Gros der Steine aus. Es sind insgesamt 8 Stolpersteine für sie. 

Von manchen Kindern, für die Stolpersteine verlegt sind, wissen wir nicht mehr als auch diesen Steinen steht. 

Ein wenig mehr weiß ich über die Brüder Egon und Herbert Stotzky. Der 4. und 5. Stein von links ist für die beiden. Die beiden kamen hier 1931 bzw. 1932 zur Welt. Bei deren Geburt Anfang der 1930er Jahre hatten die Eltern schon einen langen Weg zurückgelegt. Ihr Vater war Isidor Shaja Stotzky. Er wurde 1892 in Kishinev in Bessarabien, im heutigen Rumänien, geboren. Er war von Beruf Kürschner.

Vater Stotzky kam wohl recht weit herum. Denn er heiratete seine 1890 oder 1896 in Leipzig geborene Frau Helena, geb. Weigler. 1930 zogen die beiden mit ihrem 1920 geborenen Sohn Benne nach Koblenz. Dann kamen hier die Söhne Egon und Herbert zur Welt. Schon 1932 verließ die Familie wieder Koblenz. Sie gingen „auf Reisen“ und lebten wohl in Leipzig. Anschließend emigrierten sie über Luxemburg nach Frankreich. Dort ließen sie sich wie viele geflüchtete Juden in Nizza nieder. Im Sommer 1942 waren die Brüder Egon und Herbert im südfranzösischen Internierungslager Rivesaltes. Von dort verschleppte man sie weiter in das Sammellager Drancy bei Paris. 


Foto: Internierungslager Rivesaltes. (Quelle: https://www.wikiwand.com/de/Camp_de_Rivesaltes)

In Drancy waren sie dann zusammen mit ihren Eltern Isidor Shaja und Helene und ihrem älteren Bruder Benne. Alle fünf gingen zusammen am 11. September 1942 auf Transport ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Keiner von ihnen kam zurück. 


Foto: Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Quelle: Wikipedia)