6. Station: Südallee 2 - Dr. Paul Kolf

Wir gehen jetzt den Friedrich-Ebert-Ring ein Stückchen weiter und kommen an das Ende der Südallee. Dort vor dem Eckhaus in der Südallee ist ein weiterer Stolperstein für den Medizinalrat Dr. Paul Kolf verlegt. 


Es ist ein weiterer Stolperstein für ein nicht-jüdisches NS-Opfer. Dr. Kolf war Medizinalrat beim Gesundheitsamt hier in Koblenz.


Stolperstein für Dr. Kolf

Sein Verbrechen im Sinne der Nazis war eine Meinungsäußerung. Und zwar ging es darum:

Am 6. August 1943 – also am Ende des vierten Jahres von Hitlers Angriffskrieg – kamen auf einer Straße in Koblenz zwei Nachbarn ins Gespräch. Der eine war der Medizinalrat Dr. Paul Kolf und der andere der Friseurmeister Hans St. Dr. Kolf sagte zu St., er – Kolf – habe einen Brief bekommen, dass er schlecht verdunkle. St. bestätigte das. Daraufhin meinte Kolf: „Ach was, das ist ja alles Unsinn, in vier Wochen ist der Krieg doch aus.“ St. erwiderte: „Nun mal langsam, Herr Doktor, so schnell schießen die Preußen nicht.“ Kolf entgegnete: „Italien fällt ab, und wir können uns dann auch nicht mehr halten. Es kann bei uns genauso kommen wie in Italien. Wenn die Partei nicht mehr besteht, wird eben das Militär die Sache in die Hand nehmen. Brauchitsch ist schon wieder da!“ St. meinte darauf: „So einfach ist es doch nicht.“ Und Kolf erwiderte: „Passen Sie auf, in vier Wochen sprechen wir uns wieder.“

Das war alles. Hintergrund war, dass in Italien kurz zuvor der faschistische Diktator Mussolini, der „Duce“, abgesetzt wurde. Kolf meinte, es könnte in Deutschland mit Hitler genauso kommen. Das war eine bloße und eigentlich harmlose Meinungsäußerung. Wenn Sie bedenken, was heute alles an Kommentaren pp. in den „sozialen Medien“ so vorkommt, dann war das doch ganz harmlos.

Aber für die Nazis war es das nicht. Für die war das Wehrkraftzersetzung. In der „Verordnung über das Sonderstrafrecht im Kriege und bei besonderem Einsatz“ (Kriegssonderstrafrechtsverordnung) vom 17. August 1938(!) gab es den § 5, der lautete:

(1) Wegen Zersetzung der Wehrkraft wird mit dem Tode bestraft:

1. wer öffentlich dazu auffordert oder anreizt, die Erfüllung der Dienstpflicht in der deutschen oder einer verbündeten Wehrmacht zu verweigern, oder sonst öffentlich den Willen des deutschen oder verbündeten Volkes zu wehrhafter Selbstbehauptung zu lähmen oder zu zersetzen sucht… 

(2) In minder schweren Fällen kann auf Zuchthaus oder Gefängnis erkannt werden.                          

Tatsächlich wurde Paul Kolf wegen dieser Meinungsäußerung wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt. Sein Verfahren fand vor dem Volksgerichtshof statt. Unter dem Vorsitz des berüchtigten Präsidenten Roland Freisler, den man nach dem Krieg den „Mörder in roter Robe“ nannte, wurde Paul Kolf zum Tode verurteilt. Die vollständigen Gründe des Urteils sind genau eine Seite lang. Ich zeige Ihnen hier das vollständige Urteil des Volksgerichtshofs. 

Dokument: 3 Seiten Urteil 

In den sehr kurzen Gründen heißt es u.a.:

Man bedenke, Kolf will ein gebildeter Mann sein; er ist Medizinalrat. Er hat als Beamter und als Parteigenosse dem Führer den Treueid geleistet. Als gebildeter Mann hat er in besonderem Maße die Pflicht, Beispiel und Vorbild zu sein.; die Festigkeit unserer Haltung zu stützen. Er aber hat sie erschüttert, und war höchst gefährlich in einem Augenblick, in dem es besonders darauf ankam, Haltung zu wahren., nämlich nach dem Badoglio-Verrat am Duce. 

Wenn es auch nur eine kurze Unterredung war – ein solches Versagen eines Mannes, der gebildet sein will und deshalb ein besonderes Maß von Verantwortung hat, ist Verrat an unserem kämpfenden Volk. Es schwächt unsere Siegesfestigkeit, gefährdet also den Sieg. Es machte ihn zum für alle Zeit ehrlosen Hetzer im Dienste der Zersetzung für unsere Kriegsfeinde. (§ 5 der Kriegssonderstrafrechts-Verordnung). 

Darauf kann es nur eine Antwort geben, wenn wir unseren Sieg nicht gefährden wollen: die Todesstrafe. 

Ein Rechtsmittel dagegen gab es natürlich nicht. Das Urteil war mit der Verkündung rechtskräftig. Man konnte nur noch ein Gnadengesuch stellen. Das tat Dr. Kolf auch. Das hatte insoweit Erfolg, als der Reichsjustizminister im Gnadenwege das Todesurteil in eine Zuchthausstrafe von 8 Jahren umwandelte. Paul Kolf verbüßte dann auch einen Teil der Freiheitsstrafe. Kurz nach dem Krieg und der Befreiung vom Faschismus starb er aber nach den Misshandlungen, und Erniedrigungen im Sommer 1945 in einem Zuchthaus.