3. Station: Rizzastraße 40 - Familie Brasch

Wir gehen von der Bahnhofstraße 27 in Richtung Innenstadt ein wenig weiter und kommen an die Kreuzung Bahnhofstraße 11/Rizzastraße 40. Hier befindet sich in einem großen Neubau die Zentrale der Sparkasse Koblenz.

An der Straßenecke zur Rizzastraße 40 liegen 6 Stolpersteine. Es sind die Stolpersteine für die Familie Brasch. Das ist die Mutter Emma, der Sohn Ernst und der Sohn Dr. Walter Brasch mit der Familie von Walter Brasch, mit seiner Ehefrau Irma und ihren Kindern Ilse-Erika und Jean Pierre.


Stolpersteine für die Familie Brasch

Die Braschs waren eine Juristenfamilie. Der Vater war Isidor Brasch. Er war 1864 weit ab von Koblenz in der damals noch zum Deutschen Reich gehörenden Provinz Posen (heute Polen) geboren. Nach seinem Abitur studierte er Jura an der Humboldt-Universität in Berlin und machte dort seinen Doktor. Dann wurde er Gerichtsassessor und ließ sich als junger Rechtsanwalt in Mayen nieder. Bald darauf verlegte er seine Anwaltskanzlei nach Koblenz. 

Aus der Ehe mit seiner Frau Emma gingen zwei Söhne hervor, der ältere Ernst und der jüngere Walter. Beide machten in Koblenz Abitur, waren Soldaten im Ersten Weltkrieg und studierten dann ebenfalls Jura. Walter wurde noch zum Dr. jur. promoviert. Beide Söhne waren nacheinander in der Anwaltskanzlei des Vaters tätig. Der Vater war ein sehr anerkannter Rechtsanwalt. Ihm wurde der Ehrentitel Justizrat verliehen, was damals seltener war als heutzutage. 

Die Familie lebte wie es hieß in einem wunderschönen Haus in der Rizzastraße. Der ältere Sohn Ernst heiratete seine Frau Else. Sie hatten zwei Mädchen. 

Ernst und Else Brasch 

Hier sehen sie die Eheleute Ernst und Else Brasch. Sie sitzen auf dem Balkon des Hauses in der Rizzastraße. Bald verließ Ernst mit seiner Familie Koblenz, wurde Regierungsrat in der hessischen Finanzverwaltung und zog nach Wiesbaden, später nach Frankfurt.

Der jüngere Sohn Walter war mit seinem Vater als Rechtsanwalt in Koblenz tätig. Er heiratete seine Frau Irma.

Irma Brasch und Dr.Walter Brasch

Hier sehen sie die beiden auf Ihrer Hochzeitsreise in Marienbad. 

Mit der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 brach die Katastrophe über die Familie Brasch herein. Das erste Opfer war der Sohn Ernst. Er wurde wegen seines Judeseins von seinem Chef so gekränkt, dass der freiwillig aus dem Dienst ausschied. Als dann am 7. April 1933 die erwähnten antisemitischen Gesetze ergingen und klar wurde, dass er auch als Rechtsanwalt nicht arbeiten konnte, nahm sich seine Schwiegermutter das Leben. 

Der Sohn Walter wurde aufgrund des Gesetzes über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft die Zulassung entzogen. Auch sein Hinweis, dass er Soldat im Ersten Weltkrieg war, half ihm nichts. Er arbeitete dann noch außergerichtlich als Rechtsberater. Allein der Vater Dr. Isidor Brasch durfte noch Rechtsanwalt sein, für ihn galt eine Ausnahme als Altanwalt. Bald sah aber auch er keine Perspektive mehr, Wer ging damals noch zu einem so von den Nazis geschmähten jüdischen Rechtsanwalt?! Er gab kurz vor den sog. Nürnberger Gesetzen resigniert seine Zulassung als Rechtsanwalt zurück. Ein Jahr später starb er. 

Dr. Isidor und Emma Brasch

Mit den Nürnberger Gesetzen vom 15. September 1935 wurden die Juden bekanntlich zu Bürgern zweiter Klasse. Viele Rechte wurden ihnen entzogen. Im Zuge dieser Gesetze war den jüdischen Juristen auch die außergerichtliche Rechtsberatung verboten. Dadurch konnte Dr. Walter Brasch nicht mehr als außergerichtlicher Rechtsberater arbeiten. Er resignierte, verließ Koblenz und emigrierte mit seiner Familie - mit seiner Frau Irma und seinen beiden Kindern - nach Amsterdam. Dort konnte er in seinem Beruf nicht mehr arbeiten. Er betrieb ein kleines Antiquariat, dessen Ertrag aber kaum zum Lebensunterhalt ausreichte. Sie müssen sich das mit ihm und seiner Familie in Amsterdam ungefähr so vorstellen wie mit Anne Frank und ihrer Familie. 

Dann kam die sog. Reichspogromnacht, der Novemberpogrom am 9./10.November 1938. In Koblenz lebte ja nur noch die Witwe von Dr. Isidor Brasch, Emma Brasch. Die SA-Leute und weiterer Pöbel drangen in das Haus der Braschs ein, zerhackten die Möbel und schleppten die 71-jährige alte Dame im Nachthemd in das Gartenhäuschen und machten von ihr im Nachthemd Fotos, um damit in dem Hetzblatt „Der Stürmer“ fiese Propaganda gegen die „schamlosen“ Juden zu machen. 

Der Sohn Ernst lebte inzwischen mit seiner Familie in Frankfurt. Als die Tochter Marianne am 10. November 1938 zur Schule ging, wurde sie nach Hause geschickt. Juden durften keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Als sie nach Hause kam, erlebte sie, wie sich ihr Vater vor seiner drohenden Verhaftung die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Seine Frau und seine ältere Tochter konnten ihn noch retten. Dann kamen zwei Gestapoleute. Die verhafteten ihn und verschleppten ihn – wie etwa 30.000 jüdische Männer auch - in Konzentrationslager. Ernst Brasch kam in das KZ Buchenwald bei Weimar. Nach einigen Wochen kam er wieder frei, er war aber ein gebrochener Mann. 

Er war so antriebsarm, dass er auch nicht mehr aus Deutschland fliehen wollte und konnte. Seiner Frau und seinen beiden Töchtern gelang es auch nicht, ihn umzustimmen. Aber wenigstens konnten alle drei noch fliehen. 

Ernst blieb zurück in Frankfurt wohnen. Als die Gestapo die Vorbereitungen zur ersten Deportation der Juden aus Frankfurt/Main traf, schied Ernst freiwillig aus dem Leben und beging Selbstmord.

Inzwischen war auch die einsame und traumatisierte Emma Brasch von Koblenz weggezogen und lebte in einem jüdischen Altenheim in Frankreich. Von dort aus wurde sie im August 1942 in das von den Nazis so genannte Altersghetto Theresienstadt verschleppt und dann einen Monat später von dort in das Vernichtungslager Treblinka. Dort wurde sie am Ankunftstag mit Motorabgasen ermordet.

Auch die nach Holland geflohene Familie Brasch überlebte nicht den Holocaust. Sie müssen sich deren Lage dort vorstellen wie die der Familie Anne Frank – nur sicherlich noch einiges schlimmer. Nach der Besetzung Holland kamen sie in das Sammellager Westerbork. Von dort wurden sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert und getötet. Erst verschleppte man im Februar 1943 Walter Brasch und die beiden Kinder Ilse-Erika und Jean-Pierre und dann ein Jahr später auch Irma. Alle wurden mit Giftgas ermordet.