2. Station: Bahnhofstraße 27 - Bertha Schönewald

Wir verlassen jetzt den Hauptbahnhof und gehen auf der Bahnhofstraße in Richtung Innenstadt.

Wir halten am Haus Bahnhofstraße 27. Hier liegt ein einzelner Stolperstein für Bertha Schönewald.

Stolperstein für Bertha Schönewald

Zu dem Schicksal von Bertha Schönewald habe ich schon allerhand recherchiert. Sie stammt aus Krefeld und ist mit ihrem Ehemann Hermann 1910 nach Koblenz gekommen. Ihr Mann war Soldat im Ersten Weltkrieg und hat für Deutschland, für sein Vaterland, gekämpft.


Hermann Schönewald als Soldat 

Nach dem Krieg hatte er, der früher Vertreter war, eine kleine Firma mit dem Verkauf von Textilien. Er ist dann schon 1927 gestorben. 

Hermann Schönewald hinterließ seine Witwe Bertha und drei Kinder: 

Der Älteste war der Sohn Jakob, dann die Tochter Charlotte und dann das „Nesthäkchen“ Irene. 


Foto: die drei Kinder

Der Sohn Jakob wollte hoch hinaus. Nach seinem Abitur studierte er an der Universität Bonn Rechtswissenschaften. Auch war er sehr sportlich und in einer Studentenverbindung.


Jakob als Verbindungsstudent 

Nach seinem ersten juristischen Staatsexamen war er Rechtsreferendar – also in der Ausbildung zum Volljuristen. Diese hatte er noch nicht abgeschlossen, als die Nazis am 30. Januar 1933 an die Macht kamen. Die Nazis waren von Anfang an ja sehr judenfeindlich, antisemitisch. Sie organisierten am 1. April 1933 nicht nur einen sog. Judenboykott, sondern erließen eine Woche später das sog. Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Das war wie fast alles bei den Nazis ein sehr verlogener Titel. Es ging damit nicht um die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, sondern um den Rauswurf jüdischer und politisch missliebiger Richter und Beamten. Das Gesetz enthielt als erstes Nazi-Gesetz einen sog. Arierparagrafen. Danach verloren umgehend jüdische Richter und Beamte ihr Amt. Mit einem weiteren Gesetz vom selben Tag verloren auch die jüdischen Rechtsanwälte ihre Zulassung als Anwälte. 

Nun war Jakob Schönewald noch in der Ausbildung dahin. Aber auch solche noch Auszubildenden wurden umgehend entlassen.

Jakob Schönewald sah daraufhin keine berufliche Perspektive in Deutschland, wanderte nach Holland aus und ein Jahr später nach Palästina, das damals noch Mandatsgebiet des Völkerbundes war – den Staat Israel gab es erst im Jahr 1948.

Auch die Schwestern Charlotte und Irene konnten noch aus Deutschland flüchten. 

Hier in Koblenz blieb die Mutter Bertha Schönewald zurück. 


Bertha Schönewald 

So war es damals häufiger. Eher schafften es noch die Jüngeren zu fliehen. Die Älteren blieben öfter zurück, weil sie die Gefahr nicht so sahen, auch weil sie nicht so mobil wie die Jüngeren waren und im Alter nicht noch in ein völlig fremdes Land fliehen wollten. Sie blieben. Sie wurden dann mit den auf die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 folgenden Deportationen „nach dem Osten“ deportiert. 

So geschah das auch mit Bertha Schönewald. Sie wurde am 22. März 1942 vom Bahnhof Koblenz-Lützel aus deportiert. Das war der 1. Transport von Koblenz mit insgesamt 338 Menschen jüdischer Herkunft. Das Ziel war das Durchgangsghetto Izbica bei Lublin in dem von Deutschland besetzten Polen, dem Generalgouvernement. Das war vor 80 Jahren. 

Als letztes gab es von Bertha Schönewald noch eine Karte aus Izbica mit dem Datum vom 23. Mai 1942. 


Karte vom 23. Mai 1942

Sie ist sicherlich freiwillig geschrieben. Es war aber auch so, dass die Nazis wollten, dass solche Karten verschickt wurden. Sie sollten bei den Angehörigen, Freunden und Nachbarn den Eindruck erwecken, dass die Fahrt gut verlaufen und am Ankunftsort alles in Ordnung war.